Hier kommt der Super Mega Ultimativ Hyper Giga Godzilla El Niño
Die Medien prognostizieren, dass 2026/27 der schlimmste El Niño aller Zeiten werden wird. Doch laut Charles Rotter lautet die ehrliche Antwort: Niemand weiß es genau. Und die Experten, die es am besten wissen sollten, geben das auch offen zu.
Die Schlagzeilenmacher hatten alle Hände voll zu tun. Ein Blick auf die Klimapresse des letzten Monats liefert (in keiner bestimmten Reihenfolge):
„Atmosphärische Alarmstufe Rot: Super-El Niño 2026 steuert auf Rekordintensität zu“ (Severe Weather Europe)
„Der ‚Godzilla‘ El Niño kommt: Diese Version hat die Welt noch nie zuvor gesehen“ (Open Magazine)
„Wie eine gewaltige Hitzewelle im Ozean einen Super-El-Niño auslösen könnte“ (Bulletin of the Atomic Scientists)
„Super-El Niño droht inmitten des Abklingens von La Niña vor dem Höhepunkt der Hurrikansaison 2026“ (Daily Caller)
„Der El Niño 2026 entwickelt sich ungewöhnlich schnell und könnte mit dem stärksten jemals gemessenen El Niño mithalten“ (Down to Earth)
„Ein seltener ‚Super‘-El Niño wird immer wahrscheinlicher. Hier erfahren Sie, was zu erwarten ist.“ (Fortune)
Der aktuelle Zustand des äquatorialen Pazifiks ist laut Experten, die ihn überwachen, ENSO-neutral. Dies ist das offizielle Ergebnis der jüngsten ENSO-Diagnose des NOAA „Climate Prediction Center“. Die Anomalien der Meeresoberflächentemperatur liegen stellenweise über dem Durchschnitt, aber das gekoppelte Ozean-Atmosphäre-System hat noch nicht umgedreht. El Niño Watch ist aktiv. Die nächste monatliche Sitzung findet am 11. Juni statt und kann die Zahlen beeinflussen oder nicht.
Zwischen den neutralen Verhältnissen im Pazifik und den Godzilla-Klasse-Schlagzeilen über den Pazifik gibt es einige Aspekte, die einer genaueren Betrachtung bedürfen.
Eine kurze Geschichte des Klima-Godzilla
Die Namensgebung für starke El-Niño-Ereignisse folgt den Inflationstendenzen einer schlecht geführten Währung. Es begann mit „El Niño“, dem meteorologischen Namen. Dann kam „starker El Niño“ für die größeren Ereignisse. Dann „sehr starker El Niño“. Danach „Super-El Niño“. Kurzzeitig dann „Bruce-Lee-El Niño“, ein Begriff, der Mitte der 2010er-Jahre von einigen Medien geprägt wurde, bevor er aus nachvollziehbaren Gründen stillschweigend wieder in Vergessenheit geriet. 2015 schließlich kam der Begriff „Godzilla-El Niño“ auf, der einem NASA-Wissenschaftler zugeschrieben wird, von allen Medien weltweit aufgegriffen und auf das Ereignis von 2015/16 angewendet wurde.
Das Godzilla-Ereignis von 2015/16 sollte ein Epos werden. Der Pazifik erwärmte sich rasant. Die Schlagzeilen taten, was Schlagzeilen eben tun. Kalifornien, das sich damals mitten in einer vierjährigen Dürre befand, wurde mit sintflutartigen Winterregen biblischen Ausmaßes als Erlösung versprochen. Gleichzeitig wurde behauptet, dies sei die neue Normalität, El Niño bringe die Erlösung – und diese Erlösung werde katastrophal sein. Das war das Genre.
Was dann geschah, ist bemerkenswert. Das Ereignis von 2015/16 erreichte, gemessen am traditionellen Oceanic Niño Index, einen Wert nahe dem Rekord, führte zu einer moderaten atmosphärischen Kopplung, hatte geringe Auswirkungen in Kalifornien (etwas Regen, aber nicht genug, um die Dürre zu beenden) und trug zu einem rekordwarmen Jahr bei, das sich im langfristigen Vergleich nicht vom bestehenden Erwärmungstrend unterschied. Im Juni 2016 erklärte Mike Halpert von der NOAA „Godzilla“ offiziell für tot: alles vorbei. Es ist durch, die Sache ist gegessen.
Das war Godzilla 1 oder Godzilla 3, wenn man das Event von 1997/98 als Godzilla 0 und das Event von 1982/83 als Proto-Godzilla zählt. Die Filmreihe wurde regelmäßig neu aufgelegt. Aktuell läuft Godzilla 2026, der sich derzeit in Vorbereitung auf den Kinostart befindet.
Was die NOAA tatsächlich sagt
Die aktuelle ENSO-Diagnosediskussion hilft dabei, meteorologische Informationen von Presseberichten zu trennen. Die Diskussion vom Mai 2026 bestätigt das wahrscheinliche Auftreten von El Niño: 82 % Wahrscheinlichkeit im Zeitraum Mai bis Juli, 96 % Wahrscheinlichkeit für den Winter von Dezember 2026 bis Februar 2027. Dieser Aspekt findet sich in nahezu allen Presseberichten wieder.
Was in fast keinem der Presseberichte zu finden ist, ist der nächste Absatz. Die NOAA stellt fest, dass das Vertrauen in ein Auftreten von El Niño gestiegen ist, fügt aber einen Satz hinzu, den die Presse unbedingt lesen sollte:
Es besteht noch immer erhebliche Unsicherheit hinsichtlich der maximalen Stärke von El Niño, wobei keine Stärkekategorisierung eine Wahrscheinlichkeit von über 37 % aufweist.
Lesen Sie das noch einmal, denn die Presse hat es nicht getan. Die NOAA sagt: Wir sind ziemlich zuversichtlich, dass ein El Niño auftreten wird. Wir sind uns jedoch unsicher, wie stark er sein wird. Keiner Stärkekategorie – weder schwach noch mittel noch stark, noch sehr stark – wird eine Wahrscheinlichkeit von über 37 % zugeordnet. Das ist keine Godzilla-Vorhersage. Es ist eine Vorhersage für: „Wir werden einen El Niño haben und werden Ihnen seine Stärke mitteilen, sobald wir mehr wissen.“
Das „Climate Prediction Center“ merkt zudem nüchtern an, dass stärkere El-Niño-Ereignisse keine gravierenden Auswirkungen garantieren. Sie schaffen lediglich die Bedingungen, unter denen sich solche Auswirkungen entwickeln können. Ob die Atmosphäre tatsächlich so mit der Wärmeanomalie interagiert, dass es zu realen Wettereffekten kommt, hängt von einer separaten Sommerdynamik ab, die sich noch nicht vollzogen hat. Das Godzilla-Ereignis von 2015/16 erreichte zwar eine nahezu rekordverdächtige Meeresoberflächentemperaturanomalie, führte aber im nachhinein betrachtet, zu einer durchschnittlichen atmosphärischen Kopplung.
Die Frühjahrs-Vorhersagbarkeitsbarriere
Es gibt einen triftigen Grund dafür, dass all dies unsicherer ist, als die prozentualen Zahlen in den Schlagzeilen vermuten lassen. Man spricht hier von der Frühjahrs-Vorhersagebarriere. ENSO-Vorhersagen im späten Frühjahr weisen systematisch größere Fehler auf als Vorhersagen im Spätsommer oder Herbst. Diese Barriere spiegelt die saisonale Dynamik des äquatorialen Pazifiks wider, die zwischen etwa April und Juni chaotischer ist als zu anderen Jahreszeiten.
Der Höhepunkt des sich entwickelnden El Niño wird im aktuellen Prognosezyklus voraussichtlich erst im November oder Dezember erreicht. Eine verlässliche Vorhersage für diesen Höhepunkt wird erst im Spätsommer vorliegen. Die im Mai und Anfang Juni verbreiteten reißerischen Godzilla-Schlagzeilen beziehen sich auf die ungünstigste Phase der Vorhersagegenauigkeit. Michelle L’Heureux, Leiterin des ENSO-Teams des CPC, hat dies in nahezu jeder aktuellen Prognoseaktualisierung hervorgehoben. Die Schlagzeilen haben dies jedoch nicht aufgenommen.
Die relative ONI Quiet Downgrade
Eine weitere Besonderheit, die die Presse bisher völlig außer Acht gelassen hat: Im Februar 2026 stellte die NOAA offiziell auf den „Relative Oceanic Niño Index“ (RONI) als primäres Anomalie-Maß für den tropischen Pazifik um. RONI berechnet die Niño-3.4-Anomalie relativ zum tropischen Mittelwert und nicht anhand einer festen historischen Basislinie.
Die Veränderung ist von Bedeutung. Der gesamte tropische Ozean hat sich, wie der Rest des Planeten, erwärmt. Vergleicht man Niño 3.4 mit einem festen Referenzzeitraum von 1991 bis 2020, ergibt sich eine größere Abweichung als bei einem Vergleich mit einer ebenfalls erwärmten tropischen Basislinie. Diese relative Abweichung ist der eigentliche Auslöser für die atmosphärische Kopplung und die daraus resultierenden Wettereffekte. Die absolute Abweichung ist die Schlagzeile, die es einem Autor erlaubt zu sagen: „Der wärmste jemals gemessene Wert.“
Mit der Umstellung auf RONI hat die NOAA die scheinbare Stärke der jüngsten El-Niño-Ereignisse im Vergleich zu den von Journalisten weiterhin verwendeten Werten einer festen Basislinie stillschweigend herabgestuft. Die in der Presse genannten ONI-Werte über 3 basieren auf den alten, festen Basislinienanomalien. Die relativen Anomalien, auf die die Meteorologie tatsächlich reagiert, sind geringer. Nahezu niemand außerhalb der Behörde hat seine Kopie aktualisiert.
Das Adjektivinventar
Zur Information: Die Liste der Adjektive, die die Klimapresse in diesem Jahr bisher für den noch nicht ganz eingetretenen El Niño 2026 herangezogen hat, umfasst Folgendes:
Super. Mega. Monster. Godzilla. Alarmstufe Rot. Drohend. Historisch. Rekordbrechend. Beispiellos. Schnellfeuer. Katastrophal. Gefährlich. Kataklysmisch. Apokalyptisch. Verwüstend. Dramatisch. Atmosphärisch. Im Anmarsch. Unmittelbar. Im Aufbau. Braut sich zusammen. Bedrohlich.
Der Artikel von „Down to Earth“ geht noch weiter und vergleicht den für 2026 prognostizierten El Niño mit dem Superereignis von 1876–78. Dabei wird hilfreicherweise darauf hingewiesen, dass das Ereignis von 1876 „einer der Hauptgründe für eine weltweite Hungersnot war, bei der rund 50 Millionen Menschen zum Opfer fielen.“ Dieser Art von Vergleich rückt eine Prognose in den richtigen Kontext. Dieser Kontext besteht darin, dass ein Subsistenzlandwirtschaftssystem im viktorianischen Zeitalter ohne moderne Bewässerung, Transportmittel, Kühlung, Wettervorhersage oder internationale Lebensmittelmärkte mit extremen Wetterereignissen schwer zu kämpfen hatte. Die Auswirkungen auf das Jahr 2026, unter Berücksichtigung all dieser Faktoren, bleiben dem Leser überlassen.
Bis Godzilla 2030 werden wir neue Adjektive brauchen. Darf ich vorschlagen: Hyper-Saiyajin El Niño. Endgültige Form El Niño. El Niño, Director’s Cut – erweiterte Fassung. Das Multiversum von El Niño. El Niño-Endspiel. El Niño Begins.
Der Daily Caller informierte seine Leser diese Woche darüber, dass das La-Niña-Phänomen „ausklingt“, ein Verb, das im AP-Style-Guide nicht aufgeführt ist, aber wohl aufgeführt werden sollte. La Niña schwindet. La Niña verblasst. La Niña gleitet sanft in die Nacht hinein. Der Pazifik wird zum Haushaltsgerät vermenschlicht. Uns als Zivilisation geht es gut.
Worum es hier eigentlich geht
Es wird wahrscheinlich einen El Niño geben. Er wird sich voraussichtlich in den nächsten Monaten entwickeln und seinen Höhepunkt Ende 2026 oder Anfang 2027 erreichen. Er könnte stark, mäßig oder auch schwach ausfallen. Die NOAA, die Behörde, die die offizielle Vorhersage erstellt, hat keine Stärkekategorie mit einer Wahrscheinlichkeit von über 37 % festgelegt. Die Presse konzentriert sich vor allem auf die etwa 30-prozentige Wahrscheinlichkeit für ein beispielloses Ereignis, verschweigt aber die etwa 60-prozentige Wahrscheinlichkeit für ein unauffälliges.
Der Godzilla-Sturm von 2015/16 sollte beispiellos sein. Er führte zu einer Saison mit überdurchschnittlicher Wirkung, keinem Zusammenbruch der Zivilisation und einem Ende der Filmreihe, das etwa drei Jahre vor dem nächsten Neustart andauerte. Das Ereignis von 1997/98 verlief ähnlich. Der Pressezyklus war in beiden Fällen identisch mit dem aktuellen: Die Schlagzeilen priesen die schlimmsten Szenarien, die tatsächlichen Ereignisse waren zwar bemerkenswert, aber beherrschbar, und der nächste Zyklus begann mit der nächsten Erwärmung des Pazifiks.
Ich lasse mich gern eines Besseren belehren, falls 2026/27 der schlimmste El Niño aller Zeiten wird. Ehrlich gesagt weiß es noch niemand, und die Experten geben das auch offen zu. Die NOAA selbst spricht von 37 %, die Presse hingegen von 90 %.
Godzilla 2026 läuft jetzt in den Kinos. Im November werden wir sehen, ob die Filmreihe eine weitere Fortsetzung benötigt.
Dieser Artikel wurde erstmals am 10. Juni 2026 auf wattsupwiththat.com veröffentlicht.
Übersetzung: Eric Vieira
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