Südkoreas Prahlerei mit der Netto-Null-Bilanz bröckelt
Südkorea muss aufhören, Wachstum, Stabilität und Innovation auf dem Altar einer nicht überprüfbaren Klimafantasie zu opfern, meint Vijay Jayaraj. Das Land ist aus der Not heraus weiterhin auf fossile Brennstoffe angewiesen.
Noch vor wenigen Monaten prahlten südkoreanische Regierungsvertreter mit extrem ehrgeizigen Netto-Null-Zielen. Doch im April 2026 bemüht sich das Land nun verzweifelt darum, jede auf dem Weltmarkt verfügbare Ladung Öl und Erdgas zu sichern.
Im vergangenen November hat die Präsidialkommission für CO₂-Neutralität und grünes Wachstum ihren national festgelegten Beitrag für 2035 formalisiert und eine drastische Senkung der Treibhausgasemissionen um 53–61 % gegenüber dem Niveau von 2018 (742 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalent) zugesagt.
Die Lobby gegen fossile Brennstoffe lobte dies als Beweis dafür, dass Asiens viertgrößte Volkswirtschaft ihr Wachstum von fossilen Brennstoffen abkoppelt – einer Energiequelle, die oft als „Gift“ und Relikt einer nicht nachhaltigen Vergangenheit verschrien wird.
Lebensadern
Heute sind die gleichen Brennstoffe für das Land lebenswichtig. Die Bitte der Regierung an die Produzenten am Golf um „eine stabile Energieversorgung und Sicherheitsgarantien für koreanische Schiffe“ ist eine erstaunliche Kehrtwende. Der Kontrast könnte nicht größer sein.
Die Verzweiflung ist auf den Straßen deutlich zu spüren. Am 1. April verschärfte die südkoreanische Regierung ihre Energiesicherheitswarnung und kündigte strenge Sparmaßnahmen an, um die Brennstoffe zu schonen, die sie eigentlich durch Steuern aus dem Verkehr ziehen wollte. Für den öffentlichen Fuhrpark – darunter 1,5 Millionen Fahrzeuge von Ministerien, Kommunalverwaltungen und Schulen – galten Fahrverbote an jedem zweiten Tag, die sich nach den Kfz-Kennzeichen richteten.
Präsident Lee soll Indonesiens stabile LNG- (Flüssigerdgas) und Kohlevorräte inmitten des Chaos’ als „sehr beruhigend“ bezeichnet haben – eine Aussage, die zeigt, dass fossile Brennstoffe als Eckpfeiler der nationalen Sicherheit angesehen werden.
Warum also legt eine wohlhabende Nation ein Netto-Null-Ziel für 2035 fest und bittet anschließend globale Lieferanten inständig, riesige Mengen an Kohlenwasserstoffen zu liefern?
Die Physik verzeiht nichts
Die Antwort liegt in den unerbittlichen Gesetzen der Physik. Windkraftanlagen, Solarmodule und Batteriespeicher sind nicht in der Lage, eine moderne Produktionsbasis mit Strom zu versorgen, zu betreiben oder aufrechtzuerhalten. Ihnen fehlt die Energiedichte und Zuverlässigkeit, die erforderlich sind, um Strom aus fossilen Brennstoffen zu ersetzen.
Die drei großen Raffinerien Südkoreas – der Ulsan-Komplex von SK Energy, GS Caltex in Yeosu und das Werk von S-Oil in Onsan – zählen zu den größten weltweit. Zusammen verarbeiten sie täglich Millionen Barrel zu Kraftstoffen und industriellen Rohstoffen, die in verschiedene Länder exportiert werden.
Naphtha aus diesen Raffinerien dient als wichtiger Rohstoff für Südkoreas petrochemische Anlagen, die weltweit die viertgrößten Produzenten von Ethylen und Propylen sind.
Aus diesen Chemikalien entstehen Kunststoffe, synthetische Fasern und Harze, aus denen Innenausstattungen von Autos, Gehäuse für elektronische Geräte, Bekleidungsstoffe, Lebensmittelverpackungen, medizinische Schläuche und Baumaterialien hergestellt werden. Ohne sie gäbe es Südkoreas Exportschlager wie Halbleiter, Schiffbau, Automobile und Textilien nicht. Öl dient nicht nur dem Transport von Gütern, sondern hält ganze Industriezweige am Laufen.
Ohne importierte Kohlenwasserstoffe kann die südkoreanische Wirtschaft nicht funktionieren. Das Land importiert mehr als 97 % seiner Energie, wobei Rohöl und Erdgas den Löwenanteil ausmachen. Südkorea muss seine Ressourcen für die Diversifizierung der Öl- und Gasimporte sowie den Ausbau von LNG-Partnerschaften in Südostasien einsetzen – und nicht für unerreichbare politische Prestigeprojekte.
Moralische Gebote
Klimapolitische Maßnahmen, die als moralische Gebote dargestellt werden, halten einer Überprüfung anhand der tatsächlichen Ergebnisse nicht stand. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu katastrophalen Klimaprognosen sind nach wie vor umstritten, und die Geschichte zeigt, dass Nationen in Zeiten moderater Erwärmung oft florierten. Ein Anstieg des CO₂-Gehalts in der Atmosphäre ging mit einer Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität einher, was zur Begrünung großer Teile der Welt beitrug und die Ernährungssicherheit in Südkorea verbesserte.
Die Netto-Null-Agenda setzt eine bewusste Ignoranz gegenüber den Funktionsweisen der modernen Welt voraus. Südkorea erhob sich aus der Asche des Krieges zu einem globalen Wirtschaftsmacht, weil es sich die Kraft energiereicher, zuverlässiger fossiler Brennstoffe zunutze machte. Sich von diesem bewährten Modell abzuwenden und stattdessen auf unbewährte, wetterabhängige Technologien zu setzen, ist ein Rezept für den wirtschaftlichen Ruin.
Südkorea muss aufhören, Wachstum, Stabilität und Innovation auf dem Altar einer nicht überprüfbaren Klimafantasie zu opfern. Das Land bleibt aus der Not heraus auf fossile Brennstoffe angewiesen.
Dieser Artikel wurde ursprünglich am 28. April 2026 auf California Globe veröffentlicht.
Übersetzt von Christian Freuer

Vijay Jayaraj
Vijay Jayaraj ist wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der CO₂ Coalition in Fairfax, Virginia. Er hat einen Master of Science in Umweltwissenschaften von der University of East Anglia und einen Postgraduiertenabschluss in Energiemanagement von der Robert Gordon University, beide in UK, sowie einen Bachelor-Abschluss in Ingenieurwissenschaften von der Anna University in Indien. Er war als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Forschungsgruppe „Changing Oceans“ an der University of British Columbia in Kanada tätig.
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