Roger Pielke Jr.: „Die Pariser Temperaturziele sollten weg“

Die internationale Gemeinschaft sollte die im Pariser Abkommen festgelegten Temperaturziele, die die globale Erwärmung deutlich unter 2 °C begrenzen sollen, aufgeben, so der unabhängige Forscher und Mitarbeiter des American Enterprise Institute, Roger Pielke Jr., in einem aufgezeichneten Interview mit Clintel-Direktor Marcel Crok. Dies würde den Weg für einen pragmatischeren Ansatz ebnen, der den wirtschaftlichen Wohlstand nicht beeinträchtigen würde.

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Paris temperature targets – Clintel Director Marcel Crok interviewing climate policy researcher Roger Pielke Jr. about the Paris Agreement and European energy policy.

Clintel-Direktor Marcel Crok im Interview mit Roger Pielke Jr.

Marcel Crok

Datum: 27. Oktober 2026

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Am Dienstag, dem 13. Oktober 2026, sprach ich mit Roger Pielke Jr., Senior Fellow am American Enterprise Institute, im Studio des Café Weltschmerz in Schiphol-Rijk. Pielke, bekannt für Bücher wie „The Honest Broker“ und „The Climate Fix“ sowie für seinen Substack „The Honest Broker“, hatte kurz zuvor bei einer Clintel-Veranstaltung in Driebergen einen Vortrag gehalten (hier der erste Vortrag). Das Interview (hier auf dem Clintel-YouTube-Kanal) behandelte die Spannung zwischen „Der Klimawandel ist ernst“ (Pielke) und „Es gibt keinen Klimanotstand“ (Clintel), die Rolle und Funktionsweise des IPCC, seine eigenen Erfahrungen in der Wissenschaft und vor allem den Wandel
von Klima zu Energie als dominierende politische Frage.

Ernsthaft, aber kein Notfall

Pielke beginnt seine Vorträge stets mit der Feststellung, dass der Klimawandel real und ernsthaft ist und sowohl im Hinblick auf seine Abschwächung als auch auf seine Anpassung ernsthafte Aufmerksamkeit erfordert. Dies steht im Widerspruch zu Clintels Slogan „Es gibt keinen Klimanotstand“. Pielke erkennt die Spannung an, sieht sie aber größtenteils als eine Frage der Semantik. „Der Klimawandel ist real, aber er ist kein Notfall und keine Apokalypse. Ich denke, das ist eine angemessene Interpretation der wissenschaftlichen Erkenntnisse.“

In den USA sprach die Biden-Regierung häufig von einer „existenziellen Bedrohung“. Solche Begriffe sind in den IPCC-Berichten kaum zu finden. Pielke merkt an, dass die apokalyptische Einrahmung – Greta Thunbergs „Die Welt wird 2030 untergehen“ oder Al Gores Szenarien – zunehmend an Bedeutung verliert. „Ich sehe diese Gruppen immer mehr als Randgruppen. Sie werden uns aber immer begleiten.“ In der realen Energiepolitik verhalten sich nur wenige Entscheidungsträger so, als ob ein akuter Notfall vorläge.

Für Pielke liegt die Ernsthaftigkeit des Klimawandels vor allem in der Unsicherheit. Der Mensch beeinflusst das Klimasystem durch fossile Brennstoffe, andere Treibhausgase, Aerosole und Landnutzungsänderungen. Wir verändern den Energiehaushalt des Erdsystems und kennen die Folgen nicht mit Sicherheit. Der Klimawandel ist kein Herzinfarkt, sondern eher eine langfristige Erkrankung, die behandelt werden muss. Die größten Risiken liegen seiner Ansicht nach nicht in plötzlichen Extremereignissen (Hurrikane und Überschwemmungen zeigen keinen eindeutigen globalen Anstieg), sondern in schleichenden Veränderungen in Landwirtschaft, Ökosystemen und Ozeanen.

Energiepreise als politischer Thermostat

Ein wiederkehrendes Thema in Pielkes Arbeit ist das, was er das „eiserne Gesetz der Klimapolitik“ nennt: Wenn Klimapolitik und Wirtschaft aufeinandertreffen, gewinnt stets die Wirtschaft. Der Gedanke, fossile Brennstoffe zu verteuern, um den Übergang zu beschleunigen, stößt an politische Grenzen. „Wir werden unser Energiesystem nicht dekarbonisieren, indem wir fossile Brennstoffe verteuern. Das wird politisch nicht funktionieren.“

„Energiepreise wirken politisch wie ein Thermostat.“ Die Menschen sind bereit, eine Zeit lang höhere Preise zu zahlen, insbesondere in wohlhabenden Ländern, aber überall gibt es eine Grenze. Dies, so argumentiert er, trägt zum Aufstieg des Populismus vielerorts bei. In Europa und den Vereinigten Staaten ist die Kohlenstoffintensität der Wirtschaft (ausgedrückt als CO₂-Emissionen pro BIP-Einheit) kontinuierlich gesunken, ohne dass sich der Trend in den letzten sechzig Jahren deutlich beschleunigt hätte. Pielke sieht daher keine eindeutige Beschleunigung, die auf die Klimapolitik zurückzuführen wäre. Europa und die USA schneiden in dieser Hinsicht trotz unterschiedlicher Rhetorik annähernd gleich ab.

Roger Pielke Jr. discussing climate change, decarbonization and the temperature targets of the Paris Agreement.

IPCC: notwendig, aber fehlerhaft

Pielke ist überzeugt, dass wir den IPCC als Bewertungsgremium brauchen. Ohne solche Bewertungen suchen sich die Menschen einfach die wissenschaftlichen Erkenntnisse aus, die ihnen zusagen. „Wir brauchen ihn unbedingt. Wenn er fehlerhaft ist – und ich sage es ganz offen: er ist fehlerhaft –, sollten wir ihn korrigieren, anstatt ihn abzuschaffen.“ Daher kritisierte er die Entscheidung der Trump-Regierung, nicht teilzunehmen. „Die Vereinigten Staaten sollten mit am Tisch sitzen, nicht zuletzt, weil sie über einen Großteil des relevanten Fachwissens der Welt verfügen.“

Die Mängel sind real. Die drei Arbeitsgruppen arbeiten weitgehend isoliert; die einzelnen Ortsgruppen agieren weitgehend unabhängig. Das begünstigt eine selektive Lektüre der Fachliteratur. Pielke verweist auf Beispiele für die selektive Auswahl von Studien zu den Schäden durch Extremwetterereignisse. Er plädiert für eine „wissenschaftliche Schlichtung“: Experten mit unterschiedlichen Ansichten, darunter auch Skeptiker, sollen an einem Tisch sitzen. Die Climategate-E-Mails belegten Versuche, bestimmte Arbeiten vom IPCC fernzuhalten. „Das ist ein großes Problem.“ Eine breitere Expertise – auch in Bezug auf Szenarien und Ökonomie – stärkt den Prozess.

Von der Universität zum AEI

Pielkes eigene Karriere verdeutlicht die Politisierung der Klimadebatte. Vor 2013 kamen Einladungen zur Anhörung ausschließlich von Demokraten, ab 2013 nur noch von Republikanern. Seine Botschaft hat sich kaum verändert: „Es sind die Parteien, die sich bewegt haben.“

Nach öffentlicher Kritik von Obamas Wissenschaftsberater John Holdren und einer daraufhin von Kongressabgeordnetem Raúl Grijalva angestoßenen Untersuchung ließ die Universität ihn praktisch im Stich, so Pielke. Mit der Zeit verlor er seine Lehrveranstaltungen und sein Büro und wurde in einen winzigen, fast fensterlosen Abstellraum verlegt, der später mit leeren Aktenschränken als „Lager“ gefüllt wurde. Er fand ein neues Betätigungsfeld in der Sportgovernance-Forschung, doch die Universität schloss später auch das Institut, an dessen Aufbau er maßgeblich beteiligt war. Pielke formulierte es später so: „Ich habe nicht das Gefühl, die Universität zu verlassen. Die Universität hat mich verlassen.“ Am American Enterprise Institute fand er das Gegenteil vor: „Ich genieße in der Denkfabrik mehr akademische Freiheit als an der Universität.“

Was ihn zur Klimaforschung zurückbrachte, war vor allem die Szenarioforschung. Eine 2017 von Justin Ritchie und Hadi Dowlatabadi veröffentlichte Studie zu Klimaszenarien überzeugte ihn von deren Bedeutung. Seitdem konzentriert er sich intensiv auf Szenarien, und seine Arbeit führte zum Scheitern des extremen RCP8.5-Szenarios.

Ratschläge an Europa und die Rolle der Technologie

Würde Ursula von der Leyen ihn um Rat fragen, würde Pielke mit der Feststellung beginnen, dass Ziele allein die Dekarbonisierung nicht beschleunigen. „Ziele allein bewirken das nicht. Technologien schon.“ Der Kohleausstieg ist ein naheliegender Schritt: Kohle ist für rund 40 Prozent der globalen CO₂-Emissionen verantwortlich. Ihre Ersetzung durch Gas, Kernenergie oder andere Optionen führt zu messbaren Fortschritten bei der Reduzierung der Kohlenstoffintensität. Die europäischen Staats- und Regierungschefs sollten sich stärker auf das große Ganze konzentrieren; Proteste der Gelbwesten werden unausweichlich sein, wenn Energie zu teuer wird und die Deindustrialisierung anhält.

Wind- und Solarenergie spielen eine Rolle, aber keine bedeutende. Solarenergie ist vielversprechend, wo Speichermöglichkeiten bestehen; Windenergie benötigt viel Platz und ist mit praktischen Schwierigkeiten verbunden. „Sie werden eine Rolle spielen, aber nicht die Hauptrolle.“ Er sieht die Kernenergie positiver, insbesondere jetzt, da Länder wie Deutschland (Merz) anerkennen, dass der Atomausstieg ein Fehler war.

Klimaschutz und Anpassung dürfen nicht als Gegensätze betrachtet werden. „Sobald wir Klimaschutz und Anpassung als Gegensätze sehen, ist das eine schlechte Politik.“ Eine kluge Klimaschutzpolitik dekarbonisiert die Wirtschaft und mehrt gleichzeitig unseren Wohlstand, wodurch die Anpassungsfähigkeit gestärkt wird. Wohlstand, Technologie und Wachstum sind unerlässlich.

Roger Pielke Jr. speaking during his first lecture for Clintel on October 11, 2026. Photo: MKFotografie.

Pielke während seiner ersten Vorlesung für Clintel am 11. Oktober. (Foto: MKFotografie)

Optimismus und die Umkehrung des Regenschirms

Zum ersten Mal seit Jahrzehnten blickt Pielke optimistisch in die weltweite Energiepolitik. Japan überdenkt nach Fukushima den Einsatz von Kernenergie, während Australien seine Abhängigkeit von Brennstoffimporten hinterfragt. Er glaubt, dass die Klimapolitik auf einem besseren Weg ist.

„Energie ist der Schirm, Klima ist darunter. Früher war es umgekehrt. Die Zeiten haben sich geändert.“

Zielwerte für die Temperatur abschaffen

Pielke würde Temperaturziele wie 1,5 oder 2 Grad abschaffen. Sie seien keine sinnvollen politischen Ziele: „Sie sagen uns nicht, was wir in der Realität tun müssen. Sie beschreiben nur ein Ergebnis.“ Besser sei es, sich auf Richtung und Tempo der Dekarbonisierung zu konzentrieren, gemessen an der Kohlenstoffintensität und angetrieben durch Technologie. „Mich interessiert viel mehr die Richtung und das Tempo der Dekarbonisierung als die Klimaneutralität bis zu einem beliebigen Zeitpunkt … was wenig aussagt.“

Das Gespräch endete mit Pielkes aktuellen Projekten: Dashboards zur Demokratisierung von Klimadaten, einem Online-Kurs als eine Fortsetzung zu „The Honest Broker“. Die Spannungen zwischen Wissenschaft und Politik werden nicht verschwinden, bieten aber auch die Chance, es besser zu machen.

Übersetzung: Eric Vieira

Dieses Interview ist Teil von Roger Pielkes Besuch in den Niederlanden. Sie können sich bereits seinen ersten Vortrag für Clintel vom 11. Oktober ansehen; sein zweiter Vortrag folgt in Kürze.

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By |2026-10-27T12:32:19+01:00October 27, 2026|Comments Off on Roger Pielke Jr.: „Ich würde die Temperaturziele abschaffen.“
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